Mittelalter · Frage
Was ist „Wucher“ in der mittelalterlichen christlichen Lehre?
Antwort
Geld gegen Zinsen verleihen (oft verurteilt)
Der Hintergrund zur Antwort
In der mittelalterlichen christlichen Lehre galt jede Zahlung über das geliehene Kapital hinaus als Sünde. Gestützt auf die Schrift (z. B. Verbote, dem Nächsten Zinsen zu berechnen) und auf Aristoteles’ Behauptung, Geld sei „unfruchtbar“, argumentierten Theologen wie Thomas von Aquin, das Entgelt für den bloßen Zeitablauf sei ein ungerechtes „doppeltes Bezahlen“. Kirchliche Konzilien wie das Dritte Laterankonzil (1179) verurteilten die Praxis und drohten Wucherern Strafen an.
Gleichzeitig liefen Städte und Handel auf Kredit, sodass Umgehungsformen entstanden: Gewinnbeteiligungsgesellschaften, mietähnliche „Census“-Verträge sowie Ausgleich für tatsächliche Verluste (damnum emergens) oder entgangenen Gewinn (lucrum cessans). Wo Christen die Zinsnahme verboten war, füllten jüdische und italienische Geldverleiher die Lücke, was teils Ressentiments auslöste. Späte Scholastiker unterschieden allmählich zwischen zulässigem Zins und missbräuchlicher Exaktion – ein Schritt hin zum frühneuzeitlichen Bankwesen.